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Diese Sentenciada besteht aus 1000 Wörtern und gleichermaßen aus einem Satz.

„Die Kunst der Aphoristik, also jene der geflügelten Wendungen oder der gehaltvollen, mitunter witzigen Sprüche, denen zumeist ein überraschendes Element innewohnt, aus dem es weitgehend seinen Witz bzw. den erheiternden Wert erhält, die überdies häufig besondere, besonders wertvolle Erkenntnisse vermittelt, stammt der Aphorismus doch von jemandem der häufig gleichsam unseren Ausgangspunkt, etwa die Erde, »verlässt«, um einen rechten Blick auf sie erhaschen zu können, oder mit anderen Worten einfach nur die Perspektive ändert, etwas nicht wie alle von vorne oder hinten sondern vielmehr von unten oder gar von einer ganz schrägen Position zu betrachten um dann mitzuteilen, was man sieht, dieses von außen gestärkte Verständnis dann noch durch das dennoch vorhandene Verständnis vom jeweiligen Ort gestärkt, macht diese Kunst besonders interessant, deren Vertreter, etwa Nietzsche, Novalis, Bacon oder Montaigne, für uns von besonderer Bedeutung sind, weil sie gewissermaßen eine Offenbarung glanzvollen Wissens darstellen, das für uns in der relativ simplen Form des Aphorismus ad oculi geführt wird, sich so also ein ansehnlicher Zwiespalt zwischen der äußerst komplexen und gehaltvollen Welt der Inhalte und Erkenntnisse von Aphorismen und ihrer einfachen, an sich für jeden verständlichen Erscheinungsform ergibt, der einen wesentlichen Teil des Zaubers, den diese Form ausstrahlt, verursacht, so haben Aphorismen aber einen besonderen Wert für ihre Denker, schließlich waren sie in der Lage, diese komplexen Gedanken zu verstehen und zu beleuchten, um sie schließlich auf die Form eines Satzes zu reduzieren, wie so auch das Wort eines großen Aphoristikers, des österreichischen Schriftstellers Karl Kraus erscheint, der jedoch im heutigen Tschechien zur Welt kam, der meinte, jemand, der Aphorismen schreiben kann, solle sich nicht in Aufsätzen zerhacken, verständlich und angemessen, es ist ja etwas besonderes, eine tiefe Weisheit, in so wenigen Worten dermaßen weit dringend zu Papier zu bringen, Sachverhalte, die mitunter auch ein umfangreicher Aufsatz nicht in ähnlich gründlicher Form hätte illustrieren können, man kann hier wohl den häufig zitierten Satzteil »mehr als tausend Wörter…« geringfügig umwandeln, nämlich dahingehend, als auch zehn Wörter mitunter mehr sagen können als tausend, wenngleich man natürlich zwischen dem Aphorismus und einem Aufsatz den Unterschied feststellen muss, dass der Aufsatz durchwegs einer, ich sage einmal fast wissenschaftlichen Bestimmung dient, während der Aphorismus stets etwas Irrationales inhäriert, das ihm, wie einem Gedicht, einen besonderen Glanz verleiht, einen Glanz, der ihn in vielerlei Hinsicht fast unfehlbar macht, während die etwas rationalere Materie des Aufsatzes auch rational bewertet wird und so den Vergleich mitunter nicht standhält, wobei der Aufsatz jdoch aufgrund seines strukturierten und sachlichen Wesens mit anderen Vorzügen zu glänzen weiß, aber ich möchte noch nicht von Aufsätzen, sondern von Aphorismen schreiben, so zum einen etwa von jenem des englischen Schriftstellers Joseph Conrad, der seiner polnischen Herkunft gemäß eigentlich Józef Teodor Konrad Nałecz Korzeniowski hieß, indem er meinte, Küsse seien das, was von der Sprache des Paradieses übrig geblieben ist, was auf rationeller Ebene natürlich ein ausgesprochener Blödsinn ist, die Existenz des Paradieses oder gar einer dort gesprochenen Sprache ist rational klarerweise nicht belegbar, mehr noch, wirkliche Rationalisten lachen über die Idee eines Paradieses, in einem betont sachlichen Aufsatz hätte eine solche Bemerkung natürlich nichts verloren, im Aphorismus jedoch wird dadurch eine ganz besondere Wirkung erzielt, auch wenn man überzeugt davon ist, dass es weder ein Paradies, noch eine paradiesische Sprache gab bzw. gibt, dies ist ja auch nicht die zentrale Frage des Aphorismus, würde man sie dazu machen, reduzierte man den Aphorismus schon auf ein rein rationales Tiefland, auch wenn seine Art selbst irrationaler Natur ist und als solche auch anerkannt würde, diese Frage darf also gar nicht oder nur am Rande gestellt werden, vor allem jedoch ist der Wert des Paradieses ungeachtet der Frage seiner Existenz zu beleuchten, es stellt gewissermaßen ein Utopia dar, man kann vielleicht den Terminus »Paradies« allein für diesen einen Gedanken (nicht aber grundsätzlich, weil ansonsten die inhaltliche Richtigkeit verloren ginge) mit der Bezeichnung »Utopia« ersetzen, einem Zustand, der zwar in vielen Büchern beschrieben, nie aber als tatsächlich vorhandene Welt charakterisiert wird und sich so der Frage nach der rationalen Richtigkeit entzieht, weil sie sich bereits selbst negiert, so ist dieser Begriff geeignet, da er gleichwohl eine ideale, von Sünde und Unheil freie Welt darstellen kann, nach der man sich sehnt und von der man träumt, wobei der Umstand, dass die Küsse die einzigen Relikte – gehen wir davon aus, dass es nicht mehr besteht – dieses Elysiums sind, sie noch mit einem Hauch von Übersinnlichen beseelt, von einer Welt, die heute nicht mehr besteht, was wiederum den Begriff Paradies als geeigneter erscheinen lässt neben dem zweiten Punkt, dass ein Paradies, bzw. unser Utopia ein Platz von unbekannter Herrlichkeit ist, was den Wert eines Kusses als unschuldige, neben allen Arten von zweckorientiertem Handeln allein als ehrliche und zutiefst emotionale Form der Kommunikation in immenser Höhe ansetzt, also ein Stellenwert, den der Kuss nicht durch hunderte Seiten umfassende Darlegungen rationaler Natur einnehmen könnte, sogar das Paradies selbst wird durch diese Aphorismus zum Teil einer Vorstellung, so vielleicht zu einer Welt der tiefen ehrlichen Sinnlichkeit, die wir mit allen Sinnen zutiefst bewegt erfassen dürfen und zum anderen die Definition von Zucker als Substanz, die dem Kaffee einen schlechten Geschmack verleihe, wenn man vergesse, ihn hineinzutun, was wiederum vom logischen Gesichtspunkt aus ein vollkommen verwerflicher Spruch ist, es könne ja nämlich ein Stoff, der nicht substantiell vorhanden ist, einen anderen Stoff nicht verändern, was ja auch nicht die wirkliche Behauptung dieser Definition ist, wobei ich überhaupt sagen würde, dass diese Definition einer Behauptung bzw. eines Inhalts entbehrt, auch wenn sie bzw. er offen zu liegen scheint, der besondere Reiz dieses Ausspruchs liegt ja in seinem heiteren Charakter, der ihm diese Bedeutung gibt, die Tatsache, dass ein Kaffee ohne Zucker anders schmeckt als mit ihm, ist ja allgemein bekannt und bedarf eigentlich keiner weiteren Bestimmung, wiederum jedoch liegt der besondere Anreiz dieser Sentenz im Wechsel der Perspektive, auch wenn er hier, im Gegensatz zum vorigen Beispiel allein auf der beschreibenden, nicht aber wirklich auf der beobachtenden Ebene, vollzogen wird, während der Spruch, Musik sei disziplinierter Lärm in gewisser Weise eine Mixtur dieser beiden Formen der Anschauungsgrundsätze darstellen.“

Fridericus V.