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Divini Redemptoris ist der Name einer Enzyklika, die von Pius XI. (Achille Ratti), Papst der Katholischen Kabale verfasst wurde. Es behandelt den »atheistischen Kommunismus«. Das Schreiben ist ein dogmatischer Zusammenschluss verschiedener Thesen, die einer fragwürdigen Tradition entnommen sind und einer dialektischen Auseinandersetzung nicht standhalten. Es werden gleichsam die Ungerechtigkeit und die Klassenherrschaft als von Gott begründete Einrichtungen als absolut gesetzt und unumschränkt legitimiert.

Es folgt eine präzise Auseinandersetzung mit den einzelnen Absätzen; die authentische Übersetzung wurde dieser Seite entnommen, die offizielle Seite des Vatikans stellt keine Übersetzung ins Deutsche zur Verfügung. Auch die Einzelnachweise sind ersterer Seite entnommen.

Einführende WorteBearbeiten

Ehrwürdige Brüder, Gruß und apostolischen Segen!

1. Die Verheißung eines Erlösers erstrahlt auf der ersten Seite der Geschichte der Menschheit; und so milderte die zuversichtliche Hoffnung auf bessere Zeiten die Trauer über das verlorene Paradies. Diese Hoffnung begleitete das menschliche Geschlecht auf seinem dornenvollen Wege, bis in der Fülle der Zeiten der Erlöser der Welt erschien und jene Erwartung erfüllte. Durch ihn wurde eine neue universale Kultur begründet, die christliche Kultur, unvergleichlich höher als jene, die der Mensch bis dahin mit Mühe und nur in einigen bevorzugten Nationen erreicht hatte.

— Es beginnt der Versuch, jegliches weltliche Übel auf ein besseres Jenseits verweisend legitimieren zu wollen.

2. Aber der Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen blieb in der Welt als traurige Folge der Erbschuld, und der alte Versucher, hat niemals aufgehört, die Menschheit mit seinen trügerischen Verheißungen zu verlocken. So ist im Laufe der Jahrhunderte eine Umwälzung auf die andere gefolgt bis auf die Revolution unserer Tage, die sozusagen überall bereits tobt oder doch ernsthaft drohend vor uns steht, an Ausmaß und Heftigkeit überbietend, was früher an Kirchenverfolgungen erlebt wurde. Ganze Völker sind in Gefahr, in eine noch grauenvollere Unkultur zurückzusinken, als wie sie noch über dem größeren Teil des Erdenkreises lag, als der Erlöser erschien.

— Hier wird eine ethisch verantwortungsvolle Gesellschaft mit der christlichen, ferner selbst der katholischen gleichgesetzt. Desweiteren wird (selbstredend) kein Wort über die christlich-katholische Unkultur verloren, welche die Welt für lange Zeit beseelt hat.

3. Wir sprechen, wie Ihr, Ehrwürdige Brüder, schon erraten habt, vom bolschewistischen und atheistischen Kommunismus, der die Welt so furchtbar bedroht und darauf ausgeht, die soziale Ordnung umzustürzen und die Fundamente der christlichen Kultur zu untergraben.

— Es kann allenfalls die Rede von der bolschewistischen Ausprägung des Kommunismus die Rede sein, nicht von dessen bolschewistischer Natur. Und, in der Tat, es lag dem Kommunismus daran, die »soziale Ordnung umzustürzen« da dieselbe in Ausbeutung und Besitzlosigkeit der größten Klasse bestand.

I. TeilBearbeiten

Verhalten der Kirche gegenüber dem Kommunismus. Frühere Verurteilungen.Bearbeiten

4. Angesichts einer solchen Bedrohung konnte und kann die katholische Kirche nicht schweigen ... Was insbesondere den Kommunismus betrifft, so hat schon im Jahre 1846 Unser ehrwürdiger Vorgänger Pius IX. seligen Angedenkens dessen feierliche Verurteilung ausgesprochen und später im Syllabus bestätigt. Er verwirft "die verdammenswerte Lehre des sogenannten Kommunismus, die im höchsten Grade dem Naturrecht entgegengesetzt ist und die, einmal zur Herrschaft gelangt, zu einem radikalen Umsturz der Rechte, der Lebensverhältnisse und des Eigentums aller, ja der menschlichen Gesellschaft selber führen muß"[1]. Späterhin hat ein anderer Unserer Vorgänger, Leo XIII., unsterblichen Andenkens, in seinem Rundschreiben Quod Apostolici muneris jenen Kommunismus bezeichnet als "verheerende Seuche, die das Mark der menschlichen Gesellschaft anfrißt und sie völlig zersetzt"[2] ...

— Einerseits (was für die eigentliche Thematik von keinerlei Belang ist) veranschaulicht dieser Absatz hervorragend die selbstherrliche Überheblichkeit des Papatums. Andererseits wird hier das Naturrecht konkret mit dem Recht des Stärkeren gleichgesetzt indem das vom Kommunismus Bekämpfte als schützenswert und dem Naturrecht entsprechend vorgezeichnet wird. Ferner wird der Umsturz der sozialen Verhältnisse als das größte drohende Übel charakterisiert, das der Kommunismus mit sich bringen könnte. Dass mit diesem Umsturz die »Vermenschlichung« der Arbeiter gemeint ist, der Kampf für einen Zustand in dem der Arbeiter sein Schaffen als sein Eigentum behält und nicht dasselbe aufgrund der hier verteidigten sozialen Ordnung dem Stärkeren abgeben muss.

Äußerungen des gegenwärtigen PontifikatsBearbeiten

5. Auch Wir selber haben in Unserem Pontifikat oftmals eindringlich und nachhaltig auf die bedrohlich anwachsenden atheistischen Strömungen aufmerksam gemacht. Als Unsere Hilfsmission im Jahre 1924 aus der Sowjetunion zurückkehrte, haben Wir Uns in einer eigenen Allokution an die ganze Welt gegen den Kommunismus ausgesprochen[3]. In Unseren Rundschreiben Miserentissimus Redemptor[4], Quadra gesimo anno[5], Caritate Cristi[6], Acerba animi[7], Dilectissima Nobis[8] haben Wir feierlichen Protest erhoben gegen die Verfolgungen, wie sie in Rußland, in Mexiko, in Spanien ausgebrochen waren ... Ja sogar die verbissensten Feinde der Kirche selber, die von Moskau aus diesen Kampf gegen die christliche Kultur leiten, bezeugen durch ihre ständigen Angriffe in Wort und Tat, daß das Papsttum auch in unsern Tagen treu die Wache am Heiligtum der christlichen Religion gehalten, und daß es öfter und überzeugender, als irgendeine öffentliche Autorität auf Erden, die Aufmerksamkeit auf die kommunistische Gefahr gerichtet hat.

— Die Angriffe auf das Papsttum bzw. die Kirche mit der Annahme gleichzusetzen, dass dieselben die christliche Religion besonders treu gepflegt hätten, ist absurd. Vielmehr gab die Kirche durch die Verbindung von Thron und Altar, durch ihre elitäre Entwicklung, durch ihren eigenen Anteil am Kapital, durch ihre weltpolitische Infiltrierung, durch ihre Patriarchenmoral und durch das Beharren auf eine ungerechte Weltordnung selbst den Grund, sie abzulehnen. Nicht die Bibeln sollten brennen, sondern die Kirchen, Horte der Unterdrückung.

Notwendigkeit eines neuen feierlichen DokumentesBearbeiten

6. Ungeachtet dieser wiederholten väterlichen Mahnungen, die Ihr, Ehrwürdige Brüder, zu Unserer großen Freude in Euren jüngsten Hirtenbriefen, auch den gemeinsamen, den Gläubigen so getreulich vermittelt und erklärt habt, wächst die Gefahr dennoch bei der unermüdlichen Wühlarbeit geschickter und skrupelloser Agitatoren von Tag zu Tag (...)

— In der Tat; Agitation wurde von den Kommunisten betrieben, um eine auf bürgerlichem Recht fußende Unrechtssprechung zu untergraben.

7. Wir wollen also noch einmal in einer kurzen Zusammenfassung die Grundsätze des atheistischen Kommunismus darlegen, samt den Methoden seiner Aktion, wie sie sich vor allem im Bolschewismus offenbaren. Wir wollen dann diesen falschen Grundsätzen die lichtvolle Lehre der Kirche gegenüberstellen und noch einmal mit allem Nachdruck die Mittel anempfehlen, mit denen die christliche Kultur, die einzig wahre Civitas humana, von dieser satanischen Geißel befreit und immer kräftiger entfaltet werden kann - dies alles zum wahren Wohle der menschlichen Gesellschaft.

— Der selbstherrliche Charakter dieses Paragraphen spricht für sich. Dogmatische Äußerungen, in denen der Kommunismus ohne Argumentation als »falsch« diffamiert wird und die katholische Lehre wörtlich als »lichtvoll«, mithin richtig charakterisiert wird, entbehren jeglicher Glaubwürdigkeit. Die civitas christiana mit der civitas humana gleichzusetzen ist absurd, zumal Erstere eigentlich eine civitas catholica ist, die im Laufe der Zeit viel mehr Tote forderte als jede Unform des Kommunismus.

II. Teil.Bearbeiten

Lehren und Früchte des Kommunismus. LehrenBearbeiten

Ein falsches IdealBearbeiten

8. Der heutige Kommunismus birgt in einem höheren Maße, als es bei andern ähnlichen Bewegungen der Vergangenheit der Fall war, eine falsche Erlösungsidee in sich. Ein falsches Ideal von Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit in der Arbeit durchglüht seine gesamte Lehre und Tätigkeit mit einem gewissen Mystizismus, der die mit trügerischen Versprechen gewonnenen Massen in den suggestiv um sich greifenden Enthusiasmus einer mitreißenden Bewegung versetzt (...)

— Falsch ist eine Auffassung von Gerechtigkeit, welche die Ungerechtigkeit als Teil ihrer selbst anerkennt und zu verändern nicht willens ist. Wiederum wird hier auf eine Argumentation verzichtet und einfach in den Raum geworfen, die kommunistischen Ideen seien »falsch«.

Der evolutionäre Materialismus von Karl MarxBearbeiten

9. Die Lehre, die der Kommunismus oft genug unter täuschenden Hüllen verbirgt, gründet sich im wesentlichen noch heute auf die von Marx verkündeten Grundsätze des sogenannten dialektischen Materialismus und des historischen Materialismus, dessen allein richtige Auslegung die Theoretiker des Bolschewismus zu vertreten glauben. Nach dieser Lehre gibt es nur eine einzige ursprüngliche Wirklichkeit, nämlich die Materie mit ihren blinden Kräften, aus denen sich Pflanze, Tier und Mensch entwickelt haben. Auch die menschliche Gesellschaft ist nichts anderes als eine Erscheinungsform dieser Materie, die sich in der angedeuteten Weise entwickelt und mit unausweichlicher Notwendigkeit in einem ständigen Kampf der Kräfte dem endgültigen Ausgleich zustrebt: der klassenlosen Gesellschaft. Es leuchtet ein, daß in einem solchen System kein Platz mehr ist für die Idee Gottes, daß kein Unterschied mehr besteht zwischen Geist und Stoff, zwischen Seele und Leib, daß es kein Fortleben der Seele nach dem Tode mehr gibt, und darum auch keine Hoffnung auf ein anderes Leben. (...)

— In weiten Zügen nicht falsch. Interessant aber die Charakterisierung des Bolschewismus: Als jene meinen »dessen allein richtige Auslegung zu vertreten« verfahren auch die Katholiken...

Was ist der Mensch und die Familie?Bearbeiten

10. Des weiteren beraubt der Kommunismus den Menschen seiner Freiheit, der geistigen Grundlage seiner moralischen Lebensführung; der Persönlichkeit des Menschen nimmt er jede Würde und jeden moralischen Halt im Aufruhr blinder Instinkte. Was das Verhältnis des Einzelmenschen zur Gemeinschaft angeht, so anerkennt er keinerlei naturgegebene Rechte der menschlichen Persönlichkeit, da sie nach ihm nichts anderes ist als ein einfaches Rad im Gefüge einer Maschine. In den Beziehungen der Menschen untereinander proklamiert er das Prinzip der absoluten Gleichheit unter Leugnung einer jeglichen Überordnung und einer jeglichen Autorität, die etwa von Gott begründet wäre, einschließlich der elterlichen; was immer aber unter Menschen an sogenannter Autorität und Unterordnung vorhanden ist, leitet sich ausschließlich aus der Gemeinschaft ab als seiner einzigen Quelle. Es gibt in diesem System für den einzelnen keinerlei Eigentumsrecht mehr, weder an den Schätzen der Natur noch an den Mitteln der Produktion, da ein solches zum Erwerb weiterer Güter führen müßte und damit zur Macht des einen Menschen über den andern. Gerade deswegen muß diese Form des Privateigentums radikal ausgerottet werden, ist es doch Anfang und Quelle einer jeglichen wirtschaftlichen Versklavung.

— Die Idee der Freiheit wird im Determinismus durchwegs kontrovers diskutiert... Wenn von der praktischen Freiheit die Rede ist, so sage ich mit Marx, dass dieselbe ohnehin nur für knapp ein Zehntel der Bevölkerung bestand. Ferner nimmt der Kommunismus nicht jede moralische Würde, sondern schenkt dieselbe, indem er den Menschen über seine Identität als Produktionsbedingung hebt. Die Idee von Autorität ist in sehr vielen Fällen verbunden mit der Auswirkung von Macht und Ohnmacht. Es ist Teil der Gerechtigkeit, Überordnung zw. Arbeiter und Bürger, zw. verschiedenen Volksgruppen, zw. Mann und Frau zu verhindern. Was das Eigentumsrecht anbetrifft, so handelt es sich dabei um das Recht zu Nehmen. Jeder Mensch kommt nackt und arm zur Welt. Absurd die Vorstellung, dem einen kann die halbe Welt gehören, dem andern nichts. Jeder Besitz entstammt Genommenem.

11. Für eine Lehre, die auf solche Weise dem menschlichen Leben jede Weihe und Geistigkeit nimmt, ist folgerichtig die Ehe und Familie eine rein willkürliche und bürgerliche Einrichtung oder auch das Ergebnis einer bestimmten wirtschaftlichen Entwicklung; man leugnet die Existenz des Ehebandes mit rechtlich-sittlicher Verpflichtung, die dem Belieben der einzelnen oder der Gesellschaft entzogen wäre, und folgerichtig auch seine Unauflöslichkeit. Insbesondere gibt es für den Kommunismus keinerlei Bindung der Frau an Familie und Heim. Er proklamiert das Prinzip der Emanzipation der Frau, entreißt sie dem häuslichen Leben und der Sorge für ihre Kinder, zieht sie vielmehr in die Öffentlichkeit und in die kollektive Produktion im gleichen Maße wie den Mann, und wälzt die Sorge für das Hauswesen und das Kind auf die Gesellschaft ab. Schließlich hat man das Recht der Erziehung den Eltern genommen und zu einem ausschließlichen Recht der Gesellschaft gemacht, in deren Namen und Auftrag allein es von den Eltern ausgeübt werden darf.

— In der Tat sucht der Kommunismus von der Frau ihr Wesen als Mittel am Mann zu nehmen. Wenn es Intention der Kirche ist, das Wesen der Frau ausschließlich als Mittel der Gesellschaft und der Natur zu definieren, so tut diesem Ansinnen sicherlich eine Entgegnung Not. Die Frau ist in demselben Maße ein »gesellschaftliches Geschlecht« als der Mann und darf mithin nicht auf ein Mittel reduziert werden. Wohl aber kann man der Argumentation dahingehend Recht geben, als eine gewisse Verantwortung der Frau für ihre Kinder — wenn sie denn welche hat — besteht, die nicht vollends genommen werden kann. Hinzu kommt der durchwegs wirtschaftlich-possessive Aspekt der Ehe in der bürgerlichen Gesellschaft, der ihr schon lange den romantisch-lieblichen Charakter nahm.

Was ist die Gesellschaft?Bearbeiten

12. Was müsste aus der menschlichen Gesellschaft werden, wollte man sie aufbauen auf solch' materialistischer Grundlage? Sie würde ein Kollektivwesen' einzig gegliedert nach den Erfordernissen des wirtschaftlichen Systems . . . Die sittliche und die rechtliche Ordnung wäre nichts anderes als ein Ausfluss des jeweiligen wirtschaftlichen Systems, also rein irdischen Ursprungs, veränderlich und hinfällig. Kurz, man unterfängt sich, eine neue Epoche und eine neue Zivilisation heraufzuführen, die Frucht einer blinden Entwicklung: "eine Menschheit ohne Gott".

— Die sittliche und rechtliche Ordnung ist in der bürgerlichen Gesellschaft irdischen Ursprungs, genauso wie im Kommunismus. Im Kapitalismus ist [das] Recht nur der zum Gesetz erhobene Wille [der bürgerlichen] Klasse, ein Wille, dessen Inhalt gegeben ist in den materiellen Lebensbedingungen [der] Klasse.[9], als auch schon Marx und Engels wussten. Es ist eine naive Idiotie zu vermeinen, dass die kapitalistischen Grundfeste »göttlichen« Ursprungs seien; vielmehr sind auch sie den wirtschaftlichen Bedürfnissen entwachsen, allein bloß jenen der Kapitalisten.

13. ...

14. Das, Ehrwürdige Brüder, ist das neue Evangelium, das der bolschewistische und atheistische Kommunismus als Heilsbotschaft und Erlösung der Menschheit bietet. Ein System voll von Irrtum und Trugschlüssen, das ebenso der gesunden Vernunft wie der göttlichen Offenbarung widerspricht. Es ist Umsturz jeder göttlichen Ordnung, weil Vernichtung ihrer letzten Grundlagen. Es ist Verkennung des wahren Ursprungs, der Natur und des Zweckes des Staates. Es ist Entrechtung, Entwürdigung und Versklavung der menschlichen Persönlichkeit.

— Die »bolschewistische Heilsbotschaft« kann gar nicht mehr Irrtümer und Widersprüche beinhalten als die Lehre der Katholischen Kirche. Ferner ist sie durchwegs vernünftig und auch mit der Vernunft erfassbar (wohingegen »Religion« in einen Scherbenhaufen verschiedenster Gemeinschaften und Konfessionen zerfällt, die alle dem Verstand fremd sind). Der Umsturz des bestehenden Staates ist nicht seine Entfremdung fort von seinem eigentlichen Zwecke. Welches sollte derselbe sein, wenn nicht Gerechtigkeit und funktionierendes Zusammenleben zu gewährleisten? Man weiß ja nur zu gut, dass der Vatikan scheinbar das faschistische Modell eines Staates bevorzugt. Versklavung kann hier nur als sehr ferne Metapher verwendet werden, nämlich die Entfernung von der alten Ordnung bezeichnend (wo allerdings dabei die Versklavung?). In dem Staate, den der Kommunismus zu ersetzen sucht, besteht Versklavung tatsächlich.

AusbreitungBearbeiten

Trügerische VersprechenBearbeiten

15. Wie war es nur möglich, dass ein System, das wissenschaftlich schon lange überholt und durch die tatsächliche Entwicklung widerlegt ist, wie war es nur möglich, so fragen Wir, dass ein solches System sich so unheimlich schnell über alle Länder der Welt hin verbreiten konnte? Die Erklärung dafür ist der Umstand, dass nur wenige die wahre Natur des Kommunismus völlig durchschaut haben; die meisten erliegen so der Versuchung, die mit so schillernden Verheißungen an sie herantritt ...

— Vielmehr ist die Lehre der Kirche widersprüchlich und schon lange widerlegt (vgl. Katholische Kabale. Zudem vergisst der Autor hier bedauerlicherweise, dass politische Konzepte (im Gegensatz zur »ewigen« und »absoluten« Kirche) sich entwickeln und an verschiedene Gegebenheiten adaptiert werden können. Zudem spricht auch niemand von einer »tatsächlichen Widerlegung« spricht, wenn der Katholizismus trotz massiver Missionierung sich nicht durchzusetzen imstande ist. Auch die Demokratie funktionierte nicht von Anfang an und funktioniert im Grunde noch immer nicht. Und dennoch wird sie als bestes Konzept gepriesen, obwohl sie eine Reihe von Ungerechtigkeiten schlechterdings als gegeben vorgibt, während der Kommunismus dieselben auszumerzen sucht. Trollig indes, dass der Papst vermeint, als einer von wenigen die wahre Natur des Kommunismus zu durchschauen vermag...

Der Liberalismus hat den Weg dazu bereitetBearbeiten

16. Um zu erklären, wie es dem Kommunismus gelingen konnte, sich bei so großen Arbeitermassen prüfungslos durchzusetzen, hat man im Auge zu behalten, daß diese darauf durch die Vernachlässigung ihres religiös-sittlichen Lebens unter den Forderungen der liberalen Wirtschaft bereits vorbereitet waren: mit den Arbeitsschichten auch an Sonntagen ließ man ihnen nicht einmal zur Erfüllung der schwersten religiösen Pflichten an Sonn- und Feiertagen Zeit. Man dachte nicht daran, in der Nähe der Arbeitsstätten Kirchen zu bauen oder die Arbeit des Seelsorgers zu erleichtern. Ja, man fuhr sogar fort, den Laizismus zu fördern und zu pflegen. Heute sieht man die Früchte jener Irrtümer reifen, die von Unsern Vorgängern und von Uns selbst so oft gekennzeichnet wurden, und man darf sich nicht wundern, daß in einer Welt, die schon weithin dem Christentum entfremdet worden ist, die kommunistische Irrlehre um sich greift.

— Da hätten die »Heiligen Väter« wohl gut daran getan, dieser Entwicklung genauso energisch zu entgegnen, als sie später mit dem Kommunismus verfuhren. Allein war es wohl so, dass ihnen die heilige Verbindung zwischen Thron, Gold und Altar bedeutender war als das Wohl jener Arbeiter. Indes: Hätte man die Arbeiter vor der Mühsal täglich in die Kirchen gedrängt, wäre der Vatikan wohl zufrieden gewesen.

Schlaue und weitestgehende PropagandaBearbeiten

17. Ferner erklärt sich die rasche Verbreitung der kommunistischen Ideen, die in alle Länder dringen, die großen und die kleinen, die hochkultivierten und die weniger entwickelten, so dass kein Winkel dieser Erde mehr frei davon ist, aus einer wahrhaft dämonischen Propaganda, wie sie die Welt vielleicht bis heute noch nicht gesehen hat, einer Propaganda, die von einem einzigen Zentrum geleitet und äußerst geschickt den Lebensbedingungen der verschiedenen Völker angepasst ist ...

— Es gibt wohl kein besseres Beispiel für »dämonische Propaganda« als die Verbreitung des Christentums. Dort beschränkte man sich selbst nicht nur darauf, »in alle Lebensbereiche vorzudringen«, nein, man setzte auch auf Waffengewalt, um jene zu »überzeugen«, die sich von der herkömmlichen Propaganda nicht infiltrieren ließen. Zudem ist es vollends normal, dass sich eine politische Idee zu verbreiten sucht.

Schweigekomplott der PresseBearbeiten

18. Ein weiteres mächtiges Hilfsmittel zur Verbreitung des Kommunismus ist ein wahres Komplott des Schweigens bei einem Großteil der nichtkatholischen Weltpresse ... Dieses Schweigen ist zum Teil politischer Kurzsichtigkeit zuzuschreiben und wird von verschiedenen geheimen Mächten begünstigt, die schon lange darauf ausgehen, die christliche Sozialordnung zu zerstören.

— Der Einwurf ...wird von verschiedenen geheimen Mächten begünstigt... erinnert sehr stark an wirre Verschwörungstheorien... Ich kann die Medienwelt, wie sie zu jener Zeit gewirkt hat, nicht beurteilen, frage mich aber auch, weshalb sie geradezu selbstverständlicherweise für die Kirche Partei ergreifen müsste? Und: Wenn vom Schweigen die Rede ist, so wird dem Kommunismus auch gar kein Dienst geleistet.

Traurige WirkungenBearbeiten

Russland und MexikoBearbeiten

19. Inzwischen haben Wir die traurigen Wirkungen dieser Propaganda vor Unsern Augen. Wo der Kommunismus die Möglichkeit hatte, sich festzusetzen und seine Herrschaft aufzurichten - Wir denken hier mit besonderer väterlicher Teilnahme an die Völker in Rußland und Mexiko - da hat er sich (nach seinem eigenen Geständnis) mit allen Mitteln bemüht, die christliche Kultur und Religion radikal zu zerstören und jede Erinnerung daran in den Herzen der Menschen, insbesondere der Jugend, auszulöschen ...

— Die angesprochene christliche Kultur ist nicht die christliche Kultur der Nächstenliebe und Gerechtigkeit, sondern vielmehr die katholische Kultur der bürgerlichen Herrschaft und des Betrugs am Proletariat. Diese Kultur auszumerzen ist kein Verbrechen.

Gräuel des Kommunismus in SpanienBearbeiten

20. Auch da, wo die Geißel des Kommunismus noch nicht Zeit gefunden hat, sich voll auszuwirken, wie in Unserem heiß geliebten Spanien, ist er wie zum Entgelt leider mit einer noch roheren Gewalttätigkeit aufgetreten ... Es kann keinen klugen Privatmann mehr geben, keinen Staatsmann, wenn er sich nur seiner Verantwortung bewußt ist, der nicht erschaudern müßte bei dem Gedanken, es könnte das, was heute in Spanien geschieht, sich vielleicht morgen in anderen zivilisierten Nationen wiederholen.

— Die Kommunisten in Spanien verbrannten Kirchen und kämpften gegen die Faschisten. Diese errichteten einen Staat, basierend auf Repression, Mord und Nationalismus, »Nationalkatholizismus«... Zumindest im Nachhinein betrachtet stellt sich die Frage nicht, ob der Kommunismus schlimmere Gräuel über Spanien hätte bringen können als der Faschismus.

Naturgemäße Früchte des SystemsBearbeiten

21. Man kann nämlich nicht sagen, es seien jene wüsten Ausschreitungen etwa nur eine vorübergehende Erscheinung, wie sie große Revolutionen zu begleiten pflegen, vereinzelte Ausbrüche der Erbitterung, die in jedem Kriege vorkommen. Nein, es handelt sich um die naturgemäßen Früchte eines Systems, dem jegliche innere Zügelung fehlt. Zügelung ist notwendig für den einzelnen, notwendig auch für die Gesamtheit ... Wenn man aber die Gottesidee selber aus den Herzen der Menschen reißt, dann werden sie notwendig von ihren Leidenschaften zur grausamsten Barbarei getrieben.

— Die letzte Behauptung ist sinnbildlich für die selbstherrliche Arroganz, mit der Pius hier seine Aussagen postuliert — auf Argumente verzichtet er. Die Gottesidee mit menschlicher Güte in Verbindung zu setzen ist nicht nur wildes Spielen mit Vermutungen und Ideen, sondern eine haltlose Meinung. Unzählige Atheisten leben im Einklang mit ihrer Welt, während unzählige Christen ihren Mitmenschen das Leben zur Hölle machen. Die Idee Gottes hat mit der ethischen Verantwortungsfähigkeit eines Menschen nicht unmittelbar zu tun; sie kann ein Teil derselben sein, ist aber keine Bedingung. Ethik ist gesellschaftlicher Natur und bedarf keiner transzendentalen Überlegungen. Zum ersten Teil: Warum sind diese Ausschreitungen nicht normale Nebenerscheinungen von Revolutionen? In Wahrheit sind sie genau das. Jede politische Form bringt auch in ihrem »Funktionieren« Gewalt mit sich. Der Kommunismus ist aber das einzige Konzept, das internationalistisch eine Gemeinschaft anstrebt, die nicht tausende Zellen bildet, die gegeneinander, sondern eine einzige, die füreinander kämpft.

Kampf gegen alles, was göttlich istBearbeiten

22. Das ist es gerade, was wir heute leider erleben: Zum erstenmal in der Geschichte sind wir Zeugen eines kalt geplanten und genau vorbereiteten Kampfes des Menschen gegen "alles, was göttlich ist"[10]. Der Kommunismus ist seiner Natur nach antireligiös und betrachtet die Religion als "Opium für das Volk", weil angeblich die religiöse Lehre von einem Leben jenseits des Grabes den Proletarier ablenkt von seinem Einsatz für das Sowjetparadies, das von dieser Erde ist.

— Es ist in Wahrheit so, dass ein vermeintliches Jenseits nicht über ein im Wesen ungerechtes Diesseits vertrösten darf. Wohl aufgrund der Schlüssigkeit dieser Überlegung hat der Papst den Satz hin zum »Ablenken« entfremden müssen. Selbst der Papst müsste anerkennen, dass die »Haltung« der Arbeiter als »Maschine«, als Sklave zutiefst ungerecht ist und es mit den Kapitalisten zu halten eine große Sünde. Die Unterscheidung der Welt in Besitzende und Besitzlose als göttlichen Willen zu deklarieren (und nur dessen Umwerfung als irdisch zu charakterisieren) ist der wahre Skandal. Wenn Religion als Mittel dient, diese Ungerechtigkeit zu erhalten, anstatt sie zu überwinden, dann ist sie in der Tat nur Opium.

III. TeilBearbeiten

Lichtvolle Lehre der KircheBearbeiten

25. Nachdem Wir nun die Irrtümer und die gewaltsamen und hinterhältigen Methoden des bolschewistischen und atheistischen Kommunismus dargelegt haben, Ehrwürdige Brüder, ist es an der Zeit, ihnen kurz den wahren Begriff der Civitas humana, der menschlichen Gesellschaft, gegenüberzustellen, wie er von der Vernunft und vom Glauben durch die Kirche, die Magistra gentium, gelehrt wird, und wie Ihr ihn schon kennt.

— Diese dogmatische Gleichsetzung von Katholizismus mit Wahrheit und Kommunismus mit Irrtum ist grotesk und entbehrt jeder argumentativen Grundlage. Noch widersinniger ist die Gleichsetzung von Vernunft und Glauben. In Wahrheit gibt es eine Reihe von Widersprüchen zwischen beiden Elementen (vgl. Probleme des christlichen Glaubens)

Das erhabenste Wesen: GottBearbeiten

26. Über allem wirklichen Sein steht das höchste, einzig erhabene Sein: Gott, der allmächtige Schöpfer aller Dinge, der weiseste und gerechteste Richter aller Menschen. Dieses erhabenste Wesen, Gott, ist die unbedingte, unwiderrufliche Verwerfung der schamlosen Lügen des Kommunismus. Wahrlich, nicht weil Menschen es glauben, existiert Gott; sondern weil er existiert, darum glauben und beten alle, die nicht mit Wissen und Willen ihr Auge vor der Wahrheit verschließen.

— Gut hätte man daran getan, Gott (so es ihn gibt) das Richten zu überlassen und nicht die Kirche mit diesem unmöglichen (vgl. Determinismus) Amt zu betrauen. Sollte es Gott geben, wären in der Tat einige Thesen des Kommunismus widerlegt. Nicht aber seine wesentlichen Ziele, grundsätzliche Ideen und Grundzüge. Wenn Gott gnädig und liebend ist, und der Welt den gnädigen und liebenden Christus der Armen geschickt hat, wie könnte er sich dann gegen eine gerechtere Welt stellen? Man kann dieses und jenes behaupten. Glaubt man, weil er existiert, oder existiert er, weil man glaubt? Nicht zu belegen. Doch kann aber belegt werden, dass die »Abwendung« von Gott keiner Aktion bedarf, dass man sich vielmehr hinwenden muss. Ich präzisiere: Niemand weiß um Gottes Existenz und sagt: Es gibt ihn nicht. Niemand weiß von Gottes Existenz und sagt: Ich will nicht an ihn glauben und glaube mithin nicht. Der Glaube selbst ist eine »Gnade«.

Was Mensch und Familie nach Vernunft und Glauben sindBearbeiten

27. Was Vernunft und Glaube über den Menschen sagen, haben Wir in Unserm Rundschreiben über die christliche Erziehung in den wesentlichen Zügen dargelegt[11]. Dem Menschen ist eine geistige und unsterbliche Seele zu eigen. Er ist Persönlichkeit, vom Schöpfer selber wunderbar mit Gaben des Körpers und des Geistes ausgestattet. Er ist ein wahrer "Mikrokosmos", wie die Alten sagten, eine kleine Welt für sich, die an Wert die ungeheure unbelebte Welt weit übertrifft. Sein letztes Ziel hier und drüben ist Gott allein. Er ist durch die heiligmachende Gnade erhoben in den Stand der Gotteskindschaft und dem Gottesreich im mystischen Leibe Christi eingegliedert. Folgerichtig hat ihn Gott mit vielen und mannigfaltigen Vorrechten ausgestattet: dem Recht auf Leben, auf die Unverletzlichkeit des Körpers, auf die zum Leben notwendigen Mittel; dem Recht, dem letzten Ziele auf dem von Gott vorgezeichneten Wege zuzustreben; dem Recht auf Zusammenschluß, Eigentum und Gebrauch des Eigentums.

— Erneut die abstruse Gleichsetzung von Vernunft und Glauben. Teilweise klingt das nett. Allerdings ist es eine Heuchelei, hier, zugunsten der Kirche, für das Recht auf Leben einzutreten, gleichzeitig aber faschistische Régimes und bürgerliche Ausbeutungssysteme zu unterstützen. Das Recht auf Eigentum ist historisch gewachsen und kein ursprüngliches Recht. Zudem bringt es eine Vielzahl von Problemen mit sich (so wurde jedes »Eigentum« dereinst genommen, besteht immer in ungerechtem Verhältnis und dient zur weiteren Akkumulation). Zuallerletzt sucht der Kommunismus das Eigentum auch gar nicht abzuschaffen. Seine Intention ist es allein, die Ausbeutung des Proletariats durch den Besitz an Produktionsmitteln zu verhindern. Und dieses Ansinnen ist christlicher, als es dem Vatikan wohl bewusst war.

28. Die Ehe und das Recht auf ihren natürlichen Gebrauch sind göttlichen Ursprungs, ebenso wie auch die Einrichtung und die Grundrechte der Familie vom Schöpfer selbst bestimmt und festgelegt sind, nicht aber durch menschliche Willkür und nicht durch wirtschaftliche Faktoren. In dem Rundschreiben über die christliche Ehe[12] und in dem bereits erwähnten über die christliche Erziehung haben Wir eingehend darüber gesprochen.

— Die Ehe ist zuallererst bürgerlicher Natur. Sie entstammt allenfalls einer gewissen pragmatischen Vernunft, aber kaum göttlichen Wunsches, wenn man sich an dem Konzept der Ehe gleich nicht unbedingt stoßen muss, wohl aber an der Idee, dass die Frau gleichsam »Besitz« und Dienerin des Mannes und ohne Ehe nur minderwertig sei.

Was die Gesellschaft istBearbeiten

Gegenseitige Rechte und Pflichten zwischen Mensch und GesellschaftBearbeiten

29. Gott hat aber den Menschen auch auf die bürgerliche Gesellschaft hingeordnet als auf eine Forderung seiner Natur. Im Plan des Schöpfers ist die Gesellschaft ein natürliches Mittel, dessen sich der Mensch zur Erreichung seines Zieles bedienen kann und soll. Denn die menschliche Gesellschaft ist für den Menschen da und nicht umgekehrt. Das soll freilich nicht im Sinne des individualistischen Liberalismus verstanden werden, der die Gesellschaft dem einzelnen zur egoistischen Ausnutzung unterordnet, sondern einzig in dem Sinne, daß einmal durch den organischen Zusammenschluß zur Gesellschaft allen durch die wechselseitige Zusammenarbeit die Möglichkeit gegeben werde, ihr wahres irdisches Glück zu wirken; darüber hinaus aber auch, damit in der Gesellschaft die Gesamtheit der in der Menschennatur niedergelegten individuellen und sozialen Anlagen zur Entfaltung komme und über das unmittelbar Nützliche hinaus an göttlicher Vollkommenheit abbildlich zur Darstellung gelange, was in einem Einzelwesen überhaupt nicht verwirklicht werden kann. Aber auch dieses Letzte ist wieder schließlich nur um des Menschen willen, damit durch ihn dieser Abglanz göttlicher Vollkommenheit erkannt und in Lob und Anbetung auf den Schöpfer zurückbezogen werden kann. Nur der Mensch, die menschliche Persönlichkeit, nicht irgendeine menschliche Gesellschaft ist Träger von Verstand und freiem sittlichen Willen.

— Schon die erste Behauptung ist eine Anmaßung. Aus welchem Grunde hätte Gott den Menschen vorsätzlich auf eine ungerechte und ausbeuterische Gesellschaft hinordnen sollen? Die Gesellschaft ist in dem bürgerlichen Konzept wohl für den Menschen da, allein nur für eine stark begrenzte Zahl an Menschen. Diese rührselige Wendung von wegen »...durch den organischen Zusammenschluß...durch die wechselseitige Zusammenarbeit die Möglichkeit gegeben werde, ihr wahres irdisches Glück zu wirken« ist bizarr angesichts des Umstandes dass gerade die bürgerliche Gesellschaft nur sehr wenigen diese Möglichkeit zugesteht.

30. Darum kann der einzelne sich niemals den gottgewollten Verpflichtungen der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber entziehen, und die Träger der Autorität haben das Recht, ihn im widerrechtlichen Weigerungsfall zur Erfüllung seiner Pflicht zu zwingen. Ebensowenig kann die Gesellschaft jemals den Einzelmenschen der ihm vom Schöpfer selbst verliehenen Persönlichkeitsrechte, deren hauptsächlichste Wir namhaft gemacht haben, berauben, noch ihm deren Gebrauch grundsätzlich unmöglich machen. Darum ist es vernunftgemäß und vernunftgefordert, daß letztlich auf die menschliche Persönlichkeit alles Irdische hingeordnet werde, damit es durch sie seine Rückbeziehung auf den Schöpfer finde. Auch auf den Menschen, die menschliche Persönlichkeit, kann man anwenden, was der Völkerapostel über die christliche Heilsökonomie an die Korinther schreibt: "Alles ist euer; ihr aber seid Christi; Christus ist Gottes."[13] So tief der Kommunismus die menschliche Persönlichkeit durch die Umkehr der Begriffe in den Beziehungen zwischen Mensch und Gesellschaft erniedrigt, so hoch wird sie durch die Vernunft und durch die Offenbarung erhoben.

— Sollte unter diesen Pflichten die Notwendigkeit verstanden werden, sich zum Wohle der (bürgerlichen) Gesellschaft ausbeuten zu lassen? Wenn man ein brutales und ungerechtes System als gottgegeben und richtig postuliert (als in dieser Enzyklika geschehen), so scheint es naheliegend, dass auch gefordert wird, den Dienst unter dem Joch zu leisten, damit diese Gesellschaft funktionieren kann. Es ist bizarr, wenn Pius hier schreibt, die Beziehung zwischen Mensch und Gesellschaft würde im Kommunismus erniedrigt. Vielmehr definiert der Kommunismus den Menschen als Zweck und die Gesellschaft als Mittel, die bürgerliche Gesellschaft sieht sich, bzw. die Akkumulation von Reichtumsverhältnissen als Zweck und die Menschen (zumindest einen Gutteil der Bevölkerung) als Mittel.
Die wirtschaftlich-soziale OrdnungBearbeiten

31. Ober die wirtschaftlich-soziale Ordnung sind die leitenden Grundsätze in dem sozialen Rundschreiben Leos XIII. über die Arbeiterfrage[14] niedergelegt und in Unserm eigenen über die Neugestaltung der sozialen Ordnung[15] den Erfordernissen der Gegenwart angepaßt. Wir haben von neuem die althergebrachte Lehre der Kirche über den individuellen und sozialen Charakter des Privateigentums betont und dann Recht und Würde der Arbeit genauer umschrieben, ebenso die gegenseitige Stütze und Hilfe, wie sie zwischen den Vertretern des Kapitals und den Arbeitnehmern obwalten sollen, endlich den gerechten Lohn, den man nach strenger Gerechtigkeit dem Arbeiter für sich und seine Familie schuldet.

— Der »gerechte Lohn« gleichsam als Almosen nach gütigem Ermessen des Bourgeois ist eine enorme Ungerechtigkeit. In jedem Fall reißt der »Arbeitgeber« mit dem Mehrwert jenen Wert an sich, den der Arbeiter schafft und der ihm mithin zusteht. Der Bürger organisiert nur fremde Arbeit, die sein Kapital vermehrt. Hier noch von einem gerechten Lohn zu sprechen, ist absurd. Ferner kann die freundliche Empfehlung, einen gerechten Lohn zu gewähren, allenfalls belächelt werden.

32. In den gleichen Enzyklika haben Wir gezeigt, daß die Rettung der heutigen Welt aus dem traurigen Zusammenbruch infolge eines moralisch hemmungslosen Liberalismus nicht im Klassenkampf und im Terror liegt, viel weniger noch im selbstherrlichen Mißbrauch der staatlichen Gewalt, sondern in der Durchdringung der wirtschaftlichen und sozialen Ordnung mit dem Geiste der sozialen Gerechtigkeit und der christlichen Liebe. Wir haben gezeigt, wie gesunde Verhältnisse wiederhergestellt werden müssen nach den wahren Prinzipien einer vernünftigen ständischen Gliederung, unter Wahrung der notwendigen sozialen Ober- und Unterordnung, und wie sich alle Stände im Hinblick auf das Gemeinwohl zu einer harmonischen Einheit zusammenschließen müssen. Gerade in der wirksamen Förderung dieser Harmonie und dieser Einordnung aller sozialen Kräfte besteht die ureigenste und wichtigste Aufgabe der öffentlichen und bürgerlichen Gewalt.

— Erheiternd geradezu, wie sich der Papst hier als »Drama Queen« und gleichzeitig als »Allwissender« in Szene zu setzen sucht und zu wissen glaubt, wie man die Welt vor ihrem Zusammenbruch bewahren könne. Ist es nicht bedenklich, wenn hier eine soziale Ober- und Unterordnung gleichsam als notwendig postuliert wird. Es sollen sich mithin die Vielen opfern, damit die Wenigen ein sorgenfreies Leben haben?
Die sozialen Abstufungen und die Rechte des StaatesBearbeiten

33. Im Hinblick auf dieses organische Zusammenwirken für Ruhe und Ordnung schreibt die katholische Lehre dem Staat die Würde und die Autorität eines wachsamen und weitblickenden Verteidigers der göttlichen und menschlichen Rechte zu, die von der Heiligen Schrift und von den Kirchenvätern so oft betont werden. Es ist unwahr, daß alle in der menschlichen Gesellschaft gleichen Rechtes seien und daß es keine rechtmäßige Ober- und Unterordnung gebe. Wir verweisen hier auf die oben bereits kurz erwähnten Rundschreiben Leos XIII., besonders auf jenes über die Staatsgewalt [16] und jenes über die christliche Staatsverfassung[17]. Hier findet der Katholik die klaren Grundsätze der Vernunft und des Glaubens, die ihn befähigen werden, sich gegen das Irrige und Gefährliche der kommunistischen Staatsauffassung zu schützen. Die Entrechtung und die Versklavung des Menschen, die Leugnung des letztlich überweltlichen Ursprungs des Staates und der Staatsgewalt, der erschreckende Mißbrauch der öffentlichen Gewalt im Dienste des kollektivistischen Terrorismus sind das Gegenteil von dem, was der natürlichen Sittenlehre und dem Willen des Schöpfers entspricht. Mensch und bürgerliche Gesellschaft gehen beide auf den Schöpfer als auf ihren Urheber zurück; sie sind vom Schöpfer aufeinander hingeordnet; darum kann keiner von beiden sich den Pflichten, die er dem andern gegenüber hat, entziehen noch dessen Rechte leugnen oder schmälern. Der Schöpfer selbst hat dieses wechselseitige Verhältnis in seinen Grundsätzen geregelt, und es ist ungerechte Anmaßung, wenn der Kommunismus es sich herausnimmt, an die Stelle des göttlichen Gesetzes, das sich auf die unveränderlichen Grundsätze der Wahrheit und der Liebe gründet, ein politisches Parteiprogramm aufzuzwingen, das aus menschlicher Willkür hervorgeht, und das gesättigt ist mit Haß ...

— Es ist also »unwahr, dass alle in der menschlichen Gesellschaft gleichen Rechtes seien und dass es keine rechtmäßige Ober- und Unterordnung gebe.« Die Kirche proklamiert also, dass nicht jeder Mensch die gleichen Rechte haben darf wie jeder andere. Deutlicher kann das katholische Verhältnis zur Gerechtigkeit nicht dargelegt werden... Es scheint Teil derer Weltidee zu sein, dass die Menschheit in Mittel und Vollmenschen zerfällt. Wohl seien alle Menschen »Kinder Gottes« und »eins in Christus«, scheinbar gilt dieses aber nur für die »spirituelle Identität« der Menschen. Was Wirtschaft und Gesellschaft betrifft, so solle es Mächtige und Machtlose, Befehlende und Dienende, kurzum Bedeutende und Unbedeutende geben. Mit geradezu satirischer Selbstherrlichkeit werden die katholischen Schreiben mit der Vernunft gleichgesetzt, die vor den Irrlehren des Kommunismus beschützen solle... Schlechterdings entsetzlich die Pervertierung des Begriffs des Kommunismus. Der Kommunismus hebt die Entrechtung und Versklavung auf und ist nicht selbst Entrechtung und Versklavung. Wenn eine Frau Besitz ihres Mannes ist, Besitz, ferner, eines Fabrikbesitzers, ist das keine Versklavung? Die letzten Sätze rauben den Atem und machen unbegreiflich, dass auch nur ein Katholik sein kann. Gott soll diese Gesellschaft geschaffen haben? Die Gesellschaft soll einwandfrei sein und Gottes Wunsch entsprechen? Es ist einzig absurd, wenn diese entfremdete Gesellschaft als von Gott gewollt charakterisiert und der Kommunismus als »gesättigt von Hass« dargestellt wird. Wenn Gott eine Gesellschaft der Ober- und Unterordnung, des Hasses und der Ausbeutung gewollt hat, so ist er kein gnädiger Gott.

Ist die Kirche wirklich nicht nach ihrer Lehre vorgegangen?Bearbeiten

36. Wenn nun auch die Feinde der Kirche gezwungen sind, die Weisheit ihrer Lehre anzuerkennen, so erheben sie gegen die Kirche doch den Vorwurf, ihr Handeln habe nicht im Einklang damit gestanden, und so müßten sie andere Wege suchen. Wie falsch und ungerecht diese Anklage ist, zeigt die ganze Geschichte des Christentums ...

— Die Satire geht weiter. Niemand ist gezwungen, die (inexistente) Weisheit der Kirche anzuerkennen. Die ganze Geschichte des Christentums (sich als »Christentum« auf die Geschichte zu berufen, ist wie als ob ein Serienmörder seine Strafakte auspackt) zeigt vielmehr, dass die Kirche stets die Verbindung zur Macht und zu Reichtum gesucht hat und sie nur in Ausnahmefällen (namentlich in einzelnen Personen) eine Kirche der Armen war.

37. Ihren Grundsätzen getreu hat die Kirche die menschliche Gesellschaft erneuert; unter ihrem Einfluß entstanden die Wunderwerke der Caritas, die mächtigen Zünfte der Handwerker und Arbeiter jeder Art, wohl belächelt als "Mittelalter" vom Liberalismus des verflossenen Jahrhunderts, heute aber wieder Gegenstand der Bewunderung unserer Zeitgenossen, die sich in vielen Ländern bemühen, wenigstens die Grundgedanken davon in irgendeiner Form wieder aufleben zu lassen.

— Was hier als »Wunderwerke« bezeichnet wird, ist in Wahrheit nichts als ein Hinwegtrösten.
Wenn jemand jede Nacht den Wald anzündet und sein Bruder täglich einen halben Kübel Wasser in den Wald leert, hat dieser Bruder dann ein Wunderwerk vollbracht? Wäre es nicht vielmehr besser, er würde seinen Bruder davon abhalten?

— Fridericus V.

Die Zünfte mit dem Wort mächtig in Verbindung zu bringen, ist erneut eher ironisch zu verstehen. Dass sich die Kirche nach dem Mittelalter sehnt und entsprechende Relikte verherrlicht, verwundert nicht. Auch die Annäherung zu faschistischen Ideen überrascht angesichts dessen kaum.

38. So darf man der vollen Wahrheit gemäß behaupten, daß die Kirche, Christus ähnlich, allen Wohltaten spendend durch die Jahrhunderte schreitet. Es gäbe keinen Sozialismus und keinen Kommunismus, wenn die Lenker der Völker die Lehren und die mütterlichen Mahnungen der Kirche nicht verachtet hätten. Statt dessen haben sie auf dem Boden des Liberalismus und des Laizismus andere soziale Gebäude errichtet. Mächtig und großartig schienen sie anfangs zu sein, aber bald zeigte es sich, daß sie kein tragfähiges Fundament besaßen, und so brachen sie eines nach dem andern elend zusammen, wie denn alles zusammenbrechen muß, was nicht auf dem einzigen Eckstein ruht: Jesus Christus.

— Diese Verleumdung sucht ihresgleichen! Christus gleich? Diese Anmaßung (egal ob hier ein Atheist schreibt oder ein Christ) ist nicht zu halten (vgl. hierzu auch diesen Artikel). Wenn die Kirche sich mit Christus vergleicht und seinen Namen für ihre Sache gebraucht, ist es, wie als ob sich eine Schlägertruppe, die Obdachlose und Ausländer verprügelt und bestiehlt auf Salvador Allende berufen würde. Nun, wenn denn ohnehin alles zusammenbrechen muss, was nicht auf Jesus Christus [und mithin wohl auf der Kirche...] ruht, wozu dann die Sorge? Es hätte wohl auch dann keinen Kommunismus gegeben, wenn die Kirche wirklich als Fürsprecherin für die Armen und Ausgebeuteten aufgetreten wäre und nicht als Busenfreundin der Ausbeuter und Reichen.

IV. TeilBearbeiten

Heil- und HilfsmittelBearbeiten

Ihre NotwendigkeitBearbeiten

39. Das ist, Ehrwürdige Brüder, die Lehre der Kirche, die einzige, die imstande ist, wie auf jedem andern Gebiet, so auch auf dem sozialen, das wahre Licht zu bringen, die einzige, die Rettung verspricht gegenüber den kommunistischen Ideen ...

— Erneut sucht die Selbstherrlichkeit Ihresgleichen. Viel muss hier nicht kommentiert werden. Wenn jemand vermeint, in allen Gebieten als Einziger die einzuschlagende Richtung zu kennen und gegen jedes Übel ein Mittel zu wissen, so diskreditiert man sich im Grunde schon selbst. Das ist nur lächerlich.

40. Was ist also zu tun und welche Mittel sind anzuwenden, um Christus und die christliche Kultur gegen jenen furchtbaren Feind zu verteidigen? ...

— Wir sind gespannt.

Erneuerung des christlichen LebensBearbeiten

HauptheilmittelBearbeiten

41. Wie in allen Zeiten, auch den sturmbewegtesten der Kirchengeschichte, so besteht auch heute das entscheidende Heilmittel in einer aufrichtigen Erneuerung des privaten und des öffentlichen Lebens nach den Grundsätzen des Evangeliums bei all' denen, die sich rühmen, zur Herde Christi zu gehören, damit sie in Wahrheit das Salz der Erde seien, das die menschliche Gesellschaft vor der völligen Zersetzung bewahrt.

— Die Kirche selbst hätte irgendwann in den letzten 1500 Jahren diese Erneuerung vollziehen sollen.

Losschälung von den irdischen GüternBearbeiten

44. Und hier wollen Wir nun, Ehrwürdige Brüder, mehr im einzelnen auf zwei Lehren unseres Herrn eingehen, die für die heutige Lage der Menschheit von besonderer Bedeutung sind: die Losschälung von den irdischen Gütern und das Gebot der Liebe. "Selig sind die Armen im Geiste"[18], das waren die ersten Worte unseres göttlichen Meisters in seiner Bergpredigt. Dieser Lehre bedarf mehr als je diese Zeit des Materialismus, die sich gierig auf die Güter und die Freuden dieser Erde stürzt. Alle Christen, ob reich, ob arm, müssen immer ihren Blick auf den Himmel gerichtet halten, eingedenk der Worte, daß wir "hier keine bleibende Stätte haben, sondern eine zukünftige suchen"[19]. Die Reichen sollen nicht ihr Glück auf die Schätze dieser Erde gründen, noch ihre besten Kräfte auf ihren Erwerb richten. Vielmehr sollen sie sich bloß als Verwalter betrachten, die wissen, daß sie einmal davon Rechenschaft ablegen müssen vor dem höchsten Richter, und ihre Güter nur als kostbare Mittel betrachten, die Gott ihnen geschenkt hat, auf daß sie Gutes damit wirken; sie mögen ferner nicht aufhören, von ihrem Überfluß den Armen abzugeben, wie das Evangelium es befiehlt[20].

— Die Reichen brauchen ihre besten Kräfte noch gar nicht auf die irdischen Güter zu richten, da sie damit die Arbeiter beauftragen. Ferner ist es anmaßend, zu schreiben, dass Gott den Reichen ihren Reichtum geschenkt habe, scheinbar unabhängig davon, wie er entstanden ist. Auch diese Empfehlung (»sie mögen...«), den Armen vom Überfluss abzugeben, kann nichts als Vertröstung sein.

45. Aber auch die Armen müssen ihrerseits, wenn sie sich das Notwendige nach den Gesetzen der Liebe und der Gerechtigkeit erwerben, und auch wenn sie an die Verbesserung ihrer Lage denken, »Arme im Geiste«[21] bleiben, die geistlichen Güter höher schätzen als die Güter und Freuden dieser Welt. Sie mögen dann nicht vergessen, dass es niemals gelingen wird, Elend, Schmerz und Trübsal von dieser Erde zu verdrängen; leiden doch auch jene darunter, denen dem äußeren Anschein nach ein so viel glücklicheres Los zugefallen ist. Und so bedürfen alle der Geduld, jener christlichen Geduld, die das Herz erhebt zu den göttlichen Verheißungen eines ewigen Glückes: »Seid daher geduldig, Brüder, bis der Herr kommt« [22]... Nur so wird sich die tröstliche Verheißung des Herrn erfüllen: »Selig die Armen!« Das ist ein Trost und eine Verheißung, nicht leer, wie es die Versprechungen der Kommunisten sind; vielmehr sind es Worte des Lebens, die vollste Wirklichkeit enthalten und sich restlos erfüllen werden hier auf Erden und später in der Ewigkeit. Wie viele Arme finden tatsächlich in diesen Worten und in der Erwartung des Himmelreiches, das ja bereits als ihr Eigentum verkündet worden ist: »denn ihrer ist das Gottesreich«[23], ein Glück, wie es viele Reiche in ihrem Reichtum nicht finden; sind sie doch immer unruhig und dürsten sie doch immer nach mehr.

— Der Paragraf beginnt mit einer Aporie: Wenn die Gesetze der Gerechtigkeit Anwendung fänden, so müsste gar nicht von Armen die Rede sein. Und der heilige stuhl hätte gut daran getan, diese selbe Anordnung, nämlich »die geistlichen Güter höher schätzen als die [...] dieser Welt«. Hervorzuheben, dass das Leid niemals verschwinden werde, ist eine argumentativ hilflose Technik. Der Ansatz könnte genauso gut dazu dienen, jedes Unrecht zu entschuldigen: Ich zünde dein Haus an? Reg' dich nicht auf, es werden auf der Erde immer Häuser brennen. »Dem äußeren Anschein nach?« Das Proletariat trägt keine Verantwortung am persönlichen Leid des Bürgertums. Das notwendige Leid des Proletariats, aber, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Bürgertum. Auch hier wieder ist es absurd, damit zu argumentieren, dass auch Reiche unglücklich sein können. Dieser Umstand legitimiert nicht die Ungerechtigkeit. Woher bezieht Pius die Weisheit, dass die Versprechungen des Kommunismus leer seien? Sie beziehen sich auf eine greifbare, zu bewerkstelligende Zukunft, wohingegen sich jenes Himmelreich auf einen von Widersprüchen umnebelten Bereich handelt, den niemand je zu Gesicht bekommen hat. Schlechterdings drollig das Ende: So ergötzet euch an eurer Armut!

Christliche LiebeBearbeiten

46. Wichtiger noch oder gewiss noch unmittelbarer für die Heilung des Übels bestimmt, von dem Wir handeln, ist das Gebot der Liebe ... Wir danken allen jenen, die in den Einrichtungen der Caritas, angefangen von den Konferenzen des heiligen Vinzenz von Paul bis zu den großen neueren Organisationen der sozialen Hilfe die Werke der leiblichen und der geistlichen Barmherzigkeit geübt haben, und die noch darin tätig sind. Je mehr die Arbeiter und Armen an sich selbst erfahren, was es ist um den Geist einer in Christus für sie tätigen Liebe, um so mehr werden sie von dem Vorurteil befreit werden, es habe das Christentum seine Kraft verloren, und es stehe die Kirche auf seiten derer, die ihre Arbeit ausbeuten ...

— Der Konjunktiv im letzten Satz tut nicht Not. Vielmehr ist gemeint: Der Arbeiter soll glauben gemacht werden, die Kirche stehe nicht auf seiten derer, die ihre Arbeit ausbeuten. Beschriebene Hilfswerke gleichen bescheidnen Almosen, lindern die Armut an einzelnen Stellen, haben aber nicht die Finalität, sie zu beseitigen.

Pflichten der strengen GerechtigkeitBearbeiten

49. Niemals aber wird die Liebe echt sein, wenn sie nicht stets auch der Gerechtigkeit genügt ... Die Arbeiter sind hinsichtlich der Pflichten anderer ihnen gegenüber mit Recht sehr feinfühlig, haben doch auch sie ihre Würde.

— Eine wahre Offenbarung christlicher Liebe: Der Papst räumt selbst den Arbeitern eine Würde ein!

50. Deshalb wenden Wir Uns in besonderer Weise an Euch, christliche Arbeitgeber und Unternehmer, deren Aufgabe oft so schwierig ist. Ihr seid ja noch belastet mit dem Erbe von Irrtümern einer ungerechten Wirtschaftsführung, die ihren zersetzenden Einfluß Generationen hindurch ausgeübt hat. Seid eingedenk Eurer Verantwortung. Leider ist es wahr, daß auch das Verhalten gewisser katholischer Kreise dazu beigetragen hat, das Vertrauen des arbeitenden Volkes zur Religion Jesu Christi zu erschüttern. Diese wollten nicht begreifen, daß die christliche Nächstenliebe auch die Anerkennung gewisser Rechte verlangt, die dem Arbeiter zustehen, und die ihm die Kirche ausdrücklich zuerkannt hat. Was soll man dazu sagen, daß irgendwo katholische Arbeitgeber die Verlesung der Enzyklika Quadragesimo anno in ihren Patronatskirchen zu verhindern wußten? Was soll man dazu sagen, daß katholische Arbeitgeber bis auf den heutigen Tag sich als Feinde einer von Uns selbst befürworteten christlichen Arbeiterbewegung bewiesen haben? Und ist es nicht beklagenswert, daß das Recht auf Eigentum, das die Kirche anerkennt, mitunter dazu benutzt wurde, um den Arbeiter um seinen gerechten Lohn und um seine sozialen Rechte zu bringen?

— Die Unverhältnismäßigkeit zwischen diesen als »Eingeständnisse« erscheinenden Anschuldigungen und den allgegenwärtigen Anklagen gegenüber dem Proletariat ist grotesk. Die passive Haltung gegenüber den selbst von der Kirche als solche wahrgenommenen Vergehen seitens der Kapitalisten unterstreicht insofern die Verkennung der Menschenwürde, als eindeutig unterschieden wird zwischen den guten, katholischen Arbeitgebern (die scheinbar noch an den Folgen jener alten Ordnung zu leiden haben, ohne dass die Gräuel jener neuen Ordnung konkret erwähnt würden) und dem Material der Arbeiter, dem im besten Falle ein Bruchteil des von ihm geschaffenen Mehrwerts zusteht.

Die soziale GerechtigkeitBearbeiten

51. In der Tat gibt es außer der strengen ausgleichenden Gerechtigkeit auch eine soziale Gerechtigkeit, die ihrerseits Pflichten auferlegt, denen sich weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer entziehen können [Ed è appunto proprio della giustizia sociale l’esigere dai singoli tutto ciò che è necessario al bene comune. Ma come nell’organismo vivente non viene provvisto al tutto, se non si dà alle singole parti e alle singole membra tutto ciò di cui esse abbisognano per esercitare le loro funzioni; così non si può provvedere all’organismo sociale e al bene di tutta la società se non si dà alle singole parti e ai singoli membri, cioè uomini dotati della dignità di persone, tutto quello che devono avere per le loro funzioni sociali. Se si soddisferà anche alla giustizia sociale, un’intensa attività di tutta la vita economica svolta nella tranquillità e nell’ordine ne sarà il frutto e dimostrerà la sanità del corpo sociale, come la sanità del corpo umano si riconosce da una imperturbata e insieme piena e fruttuosa attività di tutto l’organismo.][24]

— Unerwähnt bleibt, dass die Arbeitnehmer, im Gegensatz zu den Arbeitgebern, auch gar nicht die Möglichkeit haben, sich den sozialen Pflichten zu entziehen, da das Verhältnis der Abhängigkeit wesentlich nur von einer Seite besteht (die Abhängigkeit der Arbeitgeber von den Arbeitnehmern ist bisher eine theoretische geblieben).

52. Man wird jedoch nicht sagen können, der sozialen Gerechtigkeit sei Genüge geschehen, wenn dem Arbeiter nicht der eigene Unterhalt und der seiner Familie gesichert ist durch einen Lohn, der diesem Zweck entspricht; wenn man, um dem Unglück eines allgemeinen Pauperismus vorzubeugen, es ihm nicht leicht macht, ein bescheidenes Vermögen zu erwerben; wenn man nicht vorsorgt zu seinem Gunsten, sei es durch öffentliche oder private Versicherungen, für die Zeit des Alters, der Krankheit oder der Beschäftigungslosigkeit ...

— Dieser vermeintlich vernünftige Absatz nimmt weite Teile der heutigen Einschätzung einer sozialen Marktwirtschaft vorweg, ist aber gleichzeitig schon im Ideal die Legitimation der Ausbeutung und Einzementierung der Abhängigkeit.

53. ... Aber auch die Arbeiter mögen der Pflichten der Liebe und der Gerechtigkeit gegenüber ihren Arbeitgebern eingedenk bleiben und überzeugt sein, daß sie damit auch ihre eigenen Interessen besser schützen ...

— Auch hier wird präzise verdeutlicht, dass die Abhängigkeit der Arbeiter als gegeben hinzunehmen sei und mithin ein stetes Verfolgen der Pflichten ratsam, um in diesem Verhältnis nicht zugrunde zu gehen.

Studium und Verbreitung der SoziallehreBearbeiten

55. Um dieser sozialen Aktion einen größeren Erfolg zu sichern, ist es dringend notwendig, das Studium der sozialen Probleme im Lichte der Lehre der Kirche zu fördern und die Unterweisung in derselben unter der Leitung der von Gott in der Kirche eingesetzten Autorität zu verbreiten ... Es mögen die Menschen erleuchtet werden durch das sichere Licht der katholischen Lehre und ihr Wille geneigt, sie auszuführen und anzuwenden als eine Norm richtiger Lebensführung.

— Die Selbstherrlichkeit ist atemberaubend. Das »sichere Licht der katholischen Lehre« hat Hunderttausenden den Tod gebracht. Ferner bleibt die Soziallehre Vertröstung und beeindruckt von der Lebenslüge des Kapitalismus, die Struktur von Arbeit und Besitz sei eine gerechte.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Enzykl. Qui pluribus, 9. Nov. 1846 (Acta Pii IX, vol. I, p. 13). Cf. Syllabus § IV (A.S.S., vol. III, p. 170)
  2. 28. Dez. 1878, Enzykl. Quod Apostolici muneris (Acta Leonis XIII, vol. I, p. 46).
  3. 18. Dez. 1924 (A.A.S., vol. XVI, 1924, pp. 494-495).
  4. 8. Mai 1928 (A.A.S., vol. XX, 1928, pp. 165-178).
  5. 15. Mai 1931 (A.A.S., vol. XXIII, 1931, pp. 177-228).
  6. 3. Mai 1932 (A.A.S., vol. XXIV, 1932, pp. 177-194).
  7. 29. Sept. 1932 (A.A.S., vol. XXIV, 1932, pp. 321-332).
  8. 3. Juni 1933 (A.A.S., vol. XXV, 1933, pp. 261-274).
  9. Das Kommunistische Manifest, II. Proletarier und Kommunisten (48.)
  10. Vgl. 2. Thess., 2, 4.
  11. Enzykl. Divini illius Magistri, 31. Dez. 1929 (A.A.S., vol. XXII, 1930, pp. 49-86).
  12. Enzykl. Casti connubii, 31.Dez.1930 (A.A.S., vol. XXII, 1930, pp. 539-592).
  13. 1. Cor., 3' 23.
  14. Enzykl. Rerum novarum, 15. Mai 1891 (Acta Leonis XIII, vol. IV, pp. 177-209).
  15. Enzykl. Quadragesimo anno, 15. Mai 1931 (A.A.S., vol. XXIII, 1931, pp. 177-228).
  16. Enzykl. Diutumum illud, 20. Juni 1881 (Acta Leonis XIII, vol. I, pp. 210-222).
  17. Enzykl. Immortale Dei, 1. Nov. 1885 (Acta Leonis XIII, vol. II, pp. 146-168).
  18. Mt., 5, 3.
  19. Hebr., 13,14.
  20. Lk., 11,41.
  21. Mt., 5, 3.
  22. Jak., 5, 7, 8.
  23. Lk., 6, 20.
  24. Italienische Version auf der Seite des Vatikans
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Wikipediaartikel:
„Divini_redemptoris“